Bereits kurz nach der Entdeckung des Feuers begannen die alten Chinesen, brennende Kräuterteile zu Heilzwecken einzusetzen (Moxibustion). Der Beginn der Akupunktur wird auf ca. 10'000 v.Chr. datiert, als die ersten Heiler auf die Idee kamen, Schmerzen mit spitzen Steinnadeln zu behandeln. Diese ersten klinischen Erfahrungen wurden dann einerseits durch empirische Beobachtungen ergänzt. So führte z.B. die Beobachtung, dass sich nach dem Einstechend der Steinnadeln ein „elektrisierendes Gefühl“ entlang bestimmter Körperregionen ausbreitet, zur Entwicklung der Meridiantheorie. Andererseits spielten aber auch die Prinzipien der daoistischen Philosophie (wie z.B. Yin und Yang, Qi oder die 5 Elemente) eine wichtige Rolle. So reiften die ersten Versuche über die Jahrhunderte zu einer umfassenden und in ihrem ganzheitlichen Ansatz faszinierenden Heilkunst heran. Besonders spannend ist, dass viele Erkenntisse der modernen Physik, aber auch der Zellbiologie und anderer Naturwissenschaften, die Prinzipien der Chinesischen Medizin zunehmend bestätigen.
Die Chinesische Medizin gilt zwar – neben der indischen Weisheit des Ayurveda – als eines der ältesten, noch existierenden Medizinsysteme der Menschheit. Dabei gilt es allerdings zu beachten, dass es die Chinesische Medizin eigentlich gar nicht gibt. Vielmehr wurde das Heilwissen über Jahrhunderte hinweg nur innerhalb der Familie oder von Meister zu Schüler weitergegeben. Da jede Tradition dabei ihre eigenen „Geheimrezepte“ entdeckte und verfeinerte, entstand eine Vielzahl von Schulen und Richtungen. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden – zumal in Festlandchina – grosse Anstrengungen unternommen, die verschiedenen Schulen zu vereinheitlichen und unter dem Begriff „Traditionelle Chinesische Medizin“ (TCM) zusammenzufassen. So ist die Chinesische Medizin erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts ein auch an den Universitäten erlernbares Fach geworden. Insbesondere im Bereich der Arzneimittelkunde wird dort heute zunehmend versucht, das uralte Wissen um die Wirkung der verschiedenen Heilmittel mit modernen medizinischen Erkenntnissen zu verbinden. Diese Richtung wird in Europa u.a. von Dr. Gunter Neeb vertreten, der selber 12 Jahre in Taiwan und China gearbeitet und geforscht hat und heute in Deutschland praktiziert (vgl. seine umfassende Internetseite für einen entsprechenden Einblick).
In Taiwan hingegen spielt die Tradition der Weitergabe von Meister zu Schüler nach wie vor eine wichtige Rolle. Dort konkurrenzieren sich die Westliche und die Chinesische Medizin heute auch viel stärker, als das in Festlandchina der Fall ist.
Die Tendenz, traditionelles Heilwissen zunehmend mit modernen Erkentnissen zu verbinden, stösst allerdings nicht überall nur auf uneingeschränkte Begeisterung. So machen bekannte Sinologen – z.B. Prof. Dr. Heiner Frühauf von der University Portland in Oregon – darauf aufmerksam, dass dadurch viel von der eigentlichen „Seele“ der Chinesischen Medizin verloren geht. Im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprogramms versuchen Professor Frühauf und sein Team, dieses Wissen um die eigentlichen Wurzeln der Chinesischen Medizin zu erhalten und einem breiteren westlichen Publikum zugänglich zu machen.
Es ist nicht zuletzt diese enorme Bandbreite – von der Wiederentdeckung schamanistischer und symbolischer Traditionen bis hin zum Nachweis der Wirksamkeit mit modernsten Methoden – die die ungebrochene Faszination und Aktualität der Chinesischen Medizin heute ausmacht.
Zurück zum Seitenanfang ...